Worte zur Werbung – Discovern mit der Migros

Es begann mit diesem Tweet:

Letztlich sei es «Geschmackssache», antwortet das Social Media Team der Migros auf meinen patzigen Kommentar auf den obigen Tweet: …. «eher peinlich» …. Nun ja, als Social Media Manager muss man so eine Antwort geben, auf 140 Zeichen kann und will man nicht diskutieren. Und ja, ich hätte noch antworten können, dass der Grat zwischen gutem und schlechtem Geschmack ein schmaler sei, aber erstens will ich nicht als Troll dastehen und zweitens führt die Geschmacksschiene aufs Abstellgleis (sorry, war zu lange bei der SBB tätig). Und drittens bin ich wirklich der Meinung, dass peinlich ein ganz treffendes Adjektiv ist.

Warum? Weil die Migros eine Schweizer Firma ist, eine Urschweizer Marke. Eine Marke, die es sogar geschafft hat, bei Ihrer Kundschaft ein spezielles Markengefühl hervorzurufen. Denn in der Schweiz sozialisierte Menschen bezeichnen sich durchaus als Migros-Kind (alternativ als Coop-Kind, Aldi möchte jetzt auch liebend gerne auf diesen Zug aufspringen – sei still SBB).

Klammer auf: Migros-Geschäfte gibt’s mit ganz wenigen Ausnahmen nur in der Schweiz: in der Deutschschweiz, in der Westschweiz und im Tessin. Warum ich das so detailliert aufzähle? Weil in allen diesen Teilen der Schweiz eine eigene Sprache gesprochen wird: Schweizer Dialekt, mehr oder weniger Hochdeutsch, Westschweizer Französisch und Tessiner Italienisch. Selbstverständlich auch Englisch, im ganzen Land ein wenig, hauptsächlich in Zürich und Genf. Und im Marketing…. Klammer zu.

Und nun hat also die Migros eine App (nein, ich habe sie nicht auf meinem Smartphone, ich glaubs jetzt der Migros einfach) und die hat eine Funktion namens «discover». Das alleine führt mich zur simplen Frage: warum Englisch? Ich denke mal laut nach: «Zielgruppe sind die vielen urbanen Menschen, die zwar irgendwie kochen möchten, denen aber beim Anblick eines in der Migros zu findenden Lebensmittels überhaupt nicht in den Sinn kommen will, was man damit kochtechnisch anstellen könnte. Und da diese Menschen ja sowieso den ganzen Tag lang chatten, snappen und whatsappen und ihre Musik streamen, damits dann im Zug eher chillig und nicht so stressig wird, ist ja klar, dass die bei der Migros was discovern wollen. Weil schliesslich sagt man ja auch googeln und nicht suchen ….»

Weil schliesslich sagt man ja auch googeln und nicht suchen

Jou. Mit diesen zumeist englisch angehauchten Wörtern ist es jedoch so: Die Menschen nützen sie von selbst und bauen sie von selbst in ihre Sprache ein. So, wies ihnen gefällt und vor allem so, wie es in ihrer Peer Group am angesagtesten ist (und weil ja Marketer und Onliner auch eigene Peer Groups bilden, ist auch klar, warum dort alle gleich sprechen. Man möchte schliesslich dazugehören, nicht wahr). Was aber nicht funktioniert, wirklich nicht, ist, wenn das Marketing und die dazugehörige Kommunikation den Leuten sagt, wie sie zu sprechen haben. Das ist, und da sind wir wieder am Anfang der Geschichte: eher peinlich. Und ich erlaube mir die Frage: Ob man so seine Zielgruppe nicht in die Pfanne haut?

 

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Sonnenspiel aufm Gurten

… einfach.

«Ich schreibe, seit ich denken kann. Und ja, man darf das gerne auch in seiner Doppeldeutigkeit verstehen.»

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