Dresden-Panorama mit Frauenkirche-Kuppel

Elbflorenz

Dresden – Florenz: der Versuch eines Vergleichs

Darf man Städte miteinander vergleichen? Ist es sinnvoll? Zumal, wenn – wie in meinem Fall – der letzte Besuch von Florenz 30 Jahre zurückliegt? Und der von Dresden etwas mehr als 30 Tage? Wie auch immer, ich habe ja nicht damit angefangen. Der Begriff wird Johann Gottfried Herder zugeschrieben, der sich 1802 in seiner Zeitschrift «Adrastea» zu den «Kunstsammlungen in Dresden» äusserte:

«Vor allem aber sind es die Kunst- und Alterthumssammlungen [Staatliche Kunstsammlungen], die er mit ansehnlichen Kosten stiftete, Trophäen seiner Regierung. Was ein Friedrich August [Friedrich August I. von Sachsen, genannt August der Starke] im Anfange des Jahrhunderts anfing, hat ein anderer Friedrich August [Friedrich August II.] am Ende desselben vollendet. Durch sie ist Dresden in Ansehung der Kunstschätze ein Deutsches Florenz geworden.»

(Neben Umfang und Qualität der Dresdner Sammlungen ist erwähnenswert, dass die italienischen Meister einer ihrer Sammlungsschwerpunkte sind.)

So, ich versuchs jetzt einfach mal und gebe meine selbstverständlich total subjektiven Ergebnisse bekannt.

Elbe – Arno 1:0

Die Elbe gewinnt ganz einfach deshalb, weil sie schiffbar ist. In Dresden selbst liegen 9 Raddampfer an der Reede, die grösste und älteste Raddampfer-Flotte der Welt. Selbstverständlich haben wir auch eine Fahrt unternommen: drei Stunden lang von Desden über Radebeul (dort wohnte Karl May) und Meissen (Porzellan) bis Diesbar und Seußlitz entlang der so genannten Sächsischen Weinstrasse. Selbstverständlich mit Weinwanderung und Weindegustation. Die dank der angenehmen Begleitung von Marcel Beyer, den hervorragenden Weinen und der genussvollen Jause seiner Mutter zu einem einmaligen Erlebnis wurde. Können wir sehr empfehlen.

Staatliche Kunstsammlungen – Uffizien 1:1

Nun, in Dresden waren wir nicht in den Kunstsammlungen. Begründung: Ich habe schon soooo viele Alte Meister gesehen – unter anderem – genau – in den Uffizien. Und ja, ich mag Kunst, ich mag Alte Meister genauso wie Zeitgenössisches. Aber für diese Reise wären die Eindrücke der Kunstwerke wahrscheinlich zu viel gewesen.

In Florenz sieht man natürlich zum Beispiel den David von Michelangelo und von Da Vinci alles, was die Medici in Auftrag gaben oder sammelten. Und in Dresden unter anderem die sixtinische Madonna von Raffael und alles, was August der Starke gesammelt hat. Vergleichen lassen sich die Museen wahrscheinlich nicht. Aber besuchen. Deshalb mein Unentschieden.

August der Starke – Medici 1:1

Das Dresden, das heute wieder aufgebaut wird (es wurde in den letzten Tagen des 2. Weltkrieges total zerstört) ist das Dresden von August dem Starken, dem kunstsinnigen Fürsten mit absolutistischen Ambitionen (1670–1733). Dank seiner Neuorganisation des Finanzwesens, der Ansiedelung von Unternehmen (unter anderem der Porzellanmanufaktur in Meissen, weil unter seiner Herrschaft die Herstellung von Porzellan wiedererfunden wurde) und der hohen Steuern hatte er genug Geld, um das Stadtbild, Schlösser, Parks, Landsitze zu bauen, wie es ihm gefiel. Für sich und seine vielen Mätressen. Zum Vergnügen und zum Repräsentieren. Und für seine Schätze.

Dasselbe kann man wohl auch von den Medici-Fürsten in Florenz sagen. Die einflussreiche italienische Dynastie – im Textilhandel reich geworden – stellte vom 15. bis 18. Jahrhundert Grossherzöge der Toskana, Päpste und zwei Königinnen von Frankreich. Und sie versammelten Gelehrte genauso wie Künstler um sich, um Kirchen, Paläste, Parks zu erbauen. Das Stadtbild von Florenz wird von den Medici genauso geprägt wie das Stadtbild Dresdens von August dem Starken. Deshalb auch hier ein Unentschieden.

Frauenkirche – Duomo Santa Maria Del Fiore 1:0

Die Frauenkirche gewinnt für mich wegen ihres Symbolcharakters für den Frieden. Die ausgebrannte Kirche stürzte am Vormittag des 15. Februar 1945 – zwei Tage nach dem verheerenden Bombenangriff auf Dresden – als Folge der unglaublichen Hitze in sich zusammen und blieb als Ruine stehen. Erst nach der Wende wurde sie dank der beeindruckenden Initiative von Bürgern und weltweiter finanzieller Unterstützung über 11 Jahre hinweg Stück für Stück wieder aufgebaut – unter weitestgehender Verwendung historischer Materialien. Am 30. Oktober 2005 wurde der Wiederaufbau mit einer festlichen Weihe der Kirche abgeschlossen.

Wahrzeichen des Florentiner Doms ist die berühmte Kuppel von Brunelleschi, die aufgrund ihrer Einzigartigkeit noch heute als Höhepunkt der Renaissance gesehen wird. Sie prägt das Stadtbild von Florenz genauso wie die Frauenkirche und ist in Wirklichkeit natürlich einer Frauenkirche mindestens ebenbürtig. Allein schon ihres Alters wegen. Aber die symbolische Strahlkraft einer Frauenkirche besitzt sie nicht.

Barock – Renaissance 1:0

Dass Dresden als Barockstadt gilt, hat sie ebenfalls August dem Starken zu verdanken, denn er verantwortete die städtebauliche Umwandlung der einstigen Renaissance-Stadt Dresden in eine Barockstadt. Dabei verschwanden viele der schmalen Giebelhäuser der Gotik und Renaissance. Florenz hingegen ist im Kern immer noch Renaissancestadt. Mir persönlich liegt der üppige Barock näher als die Wiederbelebung der Antike, die die Renaissance stilmässig ausmacht. Und deshalb gehen meine Punkte nach Dresden.

Semperoper – Teatro Comunale di Firenze 1:0

Auch dieser Vergleich wird hinken, denn ich habe in keinem der beiden Häuser je eine Vorstellung gesehen. Und drin war ich nur in der Semperoper. Anlässlich einer Führung, die wir spontan als letzte der Gruppe buchten. Und wir hatten Glück, denn uns führte Herr Berger, einer der Architekten während des Wiederaufbaus von 1977 bis 1985. Er konnte Details erzählen von der Handwerkskunst, die es erforderte, um zum Beispiel in der unteren Wandelhalle das Eichenholzimitat wiederherzustellen (ein 80jähriger Spezialist benötigte 2 Jahre. Jüngere Fachleute gab es nicht mehr). Der Architekt – Gottfried Semper – leitete aus seinem Exil in Wien den Bau, sein Sohn Manfred war in Dresden vor Ort. Semper war ein berühmter Architekt seiner Zeit, er baute unter anderem das Burgtheater in Wien und das Hauptgebäude der ETH in Zürich. Vom Bundesrat wurde er als Professor auf Lebenszeit ernannt. Aus diesem Grund gebe ich der Semperoper den Vorzug. Und ja: ein Besuch, und sei es nur eine Führung, lohnt sich unbedingt.

Sächsischer Wein – Wein aus der Toskana 0:1

Ja, in Sachsen wird Wein angebaut, siehe Vergleich Elbe – Arno. Hauptsächlich Weisswein und ja, wir konnten ein paar Tropfen degustieren und ja, wir waren vom Geschmack und der Qualität mehr als überzeugt. Selbstverständlich wäre es vermessen, einen weissen Bacchus aus Sachsen mit einem Vernaccia aus der Toskana vergleichen zu wollen. Ganz zu schweigen von roten Montepulcianos. Deshalb gewinnt die Toskana diesen Vergleich.

Endergebnis 6:3

Mein Vergleich geht zugunsten von Dresden aus. Doch wahrscheinlich gibt es genauso viele Gründe, um Florenz als Siegerin zu sehen. Da hilft nur, beide Städte zu besuchen.

Tipps für Dresden

Unser Hotel in Dresden war das Innside by Meliá, mitten in der Stadt, ein paar Meter von der Frauenkirche entfernt. Im 6. Stock befindet sich die Bar Twist, die kreative und ausgezeichnete Drinks serviert. Nicht ganz günstig, aber auf jedem Fall einen Besuch wert. Der Kreuzchor – er besteht seit 800 Jahren – singt in der Kreuzkirche zu den Gottesdiensten. Wir hören kurz zu (es war ja Pfingsten). Gegessen haben wir auch im Raskolnikoff in der Dresdner Neustadt. Sehr empfehlenswert, schöner Innenhof zum Sitzen, nette Bedienung, guter Wein, regionale Produkte, ehrliche Küche.

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PS: Alle Hintergrundinformationen habe ich Wikipedia entnommen. Suchbegriffe: Elbflorenz, Dresen, Florenz, Frauenkirche, Florentiner Dom, August der Starke, Medici, Semper, Renaissance.

PPS: Die Fotos von Florenz machte ich 1983 anlässlich der Studienreise, die wir mit unserer Gymnasiumsklasse unternahmen. Ich habe sie nicht eingescannt, sondern abfotografiert.

Nebelmeer in der Abenddämmerung

Appenzell und kein bisschen Alpenbitter

Nun, 2016 führten mich gleich zwei Reisen ins Appenzellerland. Genau gesagt in den Kuhfladen, also nach Ausserrhoden (das Goldstück im Kuhfladen ist Innerrhoden, also zum Beispiel der Ort Appenzell selbst, aber dazu später).

Die erste Reise ging zum Erlebnis Waldegg in den Tintelompe. Es war eine Reise in die Vergangenheit und zwar gleich zweifach. Erstens, weil es ein Klassentreffen unserer Primarschulklasse war. Und zweitens, weil der Tintelompe ein Schulzimmer aus den 30er-Jahren im Appenzell ist. Nicht, dass ich so alt bin oder im Appenzell aufgewachsen wäre, aber als Ort für ein Klassentreffen ist es einfach nur genial. Wir wurden vom Lehrer Fritz Habersack begrüsst. Nein, falsch: WIR mussten den Herrn Lehrer Habersack begrüssen. Wie früher halt. Dann bekamen wir Namensschildli umgehängt, waren plötzlich eine Frieda, ein Fritzli, eine Lisa, ein Joggeli, ein Zischgeli oder ein Gottlieb. Und anschliessend wurden wir in zwei Gruppen eingeteilt, in die Schlauen und die Oberschlauen. Anschliessend galt es, Fragen zum Kanton Appenzell und zu seiner Sprache (aase schwär) zu beantworten, Rechenaufgaben im Kopf (sic!) zu lösen, Lieder zu singen (Min Vatter ischt en …) und schön Schnürlischrift zu schreiben. Und wenn der Schnellere auch der Geschwindere war und sogar richtig lag, gabs Punkte. (Gewonnen haben zum Schluss die Schlauen.)

Dazwischen gabs Pausen, in denen wir am Platz Essen serviert bekamen, also von denen, die ein Ämtli gefasst hatten: zum Beispiel Hochzeitssuppe schöpfen, Teller abräumen, Salat servieren … die wunderbaren Schweinsschnitzel auftragen und so weiter…

Wir gingen sogar auf einen kleinen Ausflug, in Zweierreihe, in den Stall zu den anderen Eseln und Hühnern. Und in die Backstube vom Ziträdli, in den Chrömerladen, zum Goafeur und sogar zu den Sauen. Denn all das findet man in diesem Erlebnis Waldegg. Und wahrscheinlich noch viel mehr.

Ach ja, weil wir alle so brav waren, gabs zum Abschied noch musikalische Unterhaltung mit einem Hackbrettspieler in Originaltracht.

Die zweite Reise führte uns Ende Dezember auf die Schwägalp, genau gesagt ins Hotel Säntis. Wir verbrachten dort unsere fast schon zur Gewohnheit gewordene kleine Auszeit zwischen den Jahren. Normalerweise ist es ja so, dass spätestens am 2. Tag unserer Ferien der grosse Schnee einsetzt. Das war 2012 in Zuort so, 2013 in Ulrichen, 2014 in Flüeli-Ranft und 2015 (also im Januar 2016) in St. Luc. Doch auf der Schwägalp fiel kein Schnee. Auch sonst in der Schweiz nirgends. Chame nüt mache.

Wir gelangten mit RBS, SBB (entlang der Goldküste bis Pfäffikon), SOB (durchs Toggenburg) und Postauto bis vor den Hoteleingang. Das Hotel Säntis wurde ein Jahr zuvor eingeweiht und bietet all das, was wir so mögen: zeitgemässes Design und Wellnessbereich und in der Umgebung Spazierwege und Ausflugsmöglichkeiten. Unsere Junior-Suite (ist für uns Drei seit längerem der bevorzugte Zimmertyp, weil wir in einem Zimmer, meist mit abgetrennten Bereichen, gemütlich unterkommen können) war grosszügig, hatte sogar 2 Fernseher und einen dicken Vorhang zwischen Juniors Bereich uns unserem. Zudem Dusche/WC und Bad.

Nach einer Fotosafari durchs Hotel (das ja eigentlich eine Seilbahnstation mit integriertem Hotel ist), erkundeten wir die Umgebung. Der Laternliweg hinunter auf die Schwägalp faszinierte uns besonders, wurden doch kurz vor der Dämmerung kleine Öllampen aufgehängt (nein, nicht von Zwergen oder Heinzelmännchen, sondern von einem Mitarbeitenden auf seinem kleinen Traktor). Es war auch ohne Schnee romantisch. Wir genossen bei einem Glühwein die letzten Sonnenstrahlen auf der Terrasse des Restaurants Passhöhe auf der Schwägalp und machten uns auf den Weg zurück ins Hotel.

Am kommenden Morgen gings hoch hinauf, mit der Gondel auf den Säntis zum Frühstück. Ja, dort hatte es ein wenig Schnee und Eis, dazu eine fantastische Aussicht und vorwitzige Bergdohlen.

Am folgenden Tag unternahmen wir noch einen Ausflug ins Postkartendorf Appenzell. Wir flanierten etwas, fotografierten und machten uns schon bald wieder auf den Rückweg, denn es war ordentlich kalt.

An den Nachmittagen entspannten wir in der Sauna und im Dampfbad sowie im Whirlpool und genossen die erholsame Aussicht von den Ruheliegen in den Wald. Sogar ein kleiner Kneippweg war dort, nach der Sauna schaffte sogar ich es, nur mit Bademantel bekleidet, rauszugehen. Brr.

Wir unternahmen nochmals einen Rundspaziergang und fanden auf dem Rückweg die Laternli-Bar, einen heimelig hergerichteten Schober mit netter Bedienung.

Und ja, natürlich darf im Appenzell auch ein Appenzeller Käsefondue nicht fehlen, wir genossen es im Restaurant Passhöhe in einer gemütlichen Appenzeller Stube. Vor dem Schlafengehen genehmigten wir uns vor dem prasselnden Kaminfeuer im Hotel ein Glas Wein (ich) und einen Appenzeller Whisky (er). Und fanden auch diese schneelose Auszeit im Kuhfladen sehr gelungen.

Gin und Whisky aus Appenzell

Gin und Whisky aus Appenzell