Heiliger Bim-Bam – oder der etwas andere Neujahrsbeginn

Als wir uns am Abend des 31. Dezember 2017 so gegen 22 Uhr aufmachten, um mit der heimischen Dorfbevölkerung aufs neue Jahr anzustossen, begegnete uns auf der schneebedecken Strasse ein Mann mit Hut aufm Kopf und einer Chiantiflasche in der Hand. Wir kamen ins Gespräch und merkten, dass wir dasselbe Ziel hatten: das Burgerhaus. In Zeneggen. Dort war nach dem Essen schon der gemütliche Teil des Abends angebrochen, und man tanzte zu Club Groove aus dem Laptop in der historischen Stube aus dem frühen 17. Jahrhundert. Irgendwann so gegen halb 12 brachen die meisten auf, um zur Bielkapelle oberhalb des Dorfes zu wandern. Dort sollte das Silvesterfeuer angezündet werden. Da wir den Weg hinauf durch den Schnee schon am Morgen gegangen waren, entschieden wir uns, nicht mitzukommen, weil wir ganz einfach nicht so trittsicher sind wie die Einheimischen. Und auf einmal war nur noch der nette Herr mit der Chiantiflasche (in der er selbstgebrannten Schnaps für die Runde mitgebracht hatte) in der Stube. Er gehe auch nicht mit, er gehe jetzt Glockenläuten… Glockenläuten. «Spielst du Carillon?» hörte ich mich fragen. Er bejahte. Ich hatte das Buch «Zeneggen, Sonnenterrasse im Vispertal» von Erwin Jossen ziemlich intensiv durchgeblättert und war dort auf die Tradition des Glockenspiels im Ort gestossen.

So machten wir uns gemeinsam auf den Weg runter, Richtung Kirche. Ein anderes Paar kam noch vorbei, sie fanden das mit dem Carillon auch spannend. Und so machten wir uns zu viert auf den Weg zur Kirche (meine beiden Männer liessen mich ziehen, im Wissen, dass dadurch ein gemeinsamer Rutsch ins neue Jahr nicht stattfinden würde. Ich bin noch heute dankbar für diese Toleranz.)

Der Mann mit Mütze – er heisst übrigens Marco Schaller – kletterte die enge Treppe und die steilen Leitern hoch, wir hinterher, bis wir oben im Glockenstuhl ankamen. Zunächst schaltete er die Elektrik aus, denn normalerweise werden auch in Zeneggen die Kirchenglocken elektrisch geläutet. Danach hiess Marco den anderen Herren, die grosse Glocke 12 Mal mit dem Klöppel von Hand zu läuten. Schliesslich war es ja mittlerweile genau 24 Uhr. Gesagt getan. Prosit Neujahr!

Danach legte Marco los. Er sass auf dem Mauersims, seine Hände zogen abwechselnd an Seilen, die mit den Klöppeln der verschiedenen Glocken verbunden waren. Mit den Beinen drückte er kleine Brettchen, die ebenfalls mit Seilen, jedoch an den etwas grösseren Glocken, befestigt waren. Und aus den sich flink durch die Seile hangelnden Händen und Füssen ergab sich eine Melodie, die weit übers Dorf hinweg erklang. Minutenlang. (Kleine Ausschnitte sind im Video zu hören …) Nach den ersten beiden Stücken machte uns Marco vor, wie man früher von Hand (oder besser von Fuss) Glocken geläutet hat. Indem man sich oben neben das Holzjoch (daran ist die Glocke befestigt) hinstellt und diesen Balken so lange in Schwingung versetzt, bis die Glocke gleichmässig läutet. Es sah anstrengend aus. Und ja, im Gegensatz zum Carillonspiel, war der Klang ohrenbetäubend (das Paar verabschiedete sich jetzt und ging heim).

 

Ich find, wir heigend ds neu Jahr gnüeg güet iigliita!

Nach einem weiteren Stück von Marco sagte er, wenn ich wolle, könne ich auch mal versuchen zu spielen. Ich zögerte erst, stimmte dann jedoch zu, weil ich neugierig war. Und ausserdem konnte ich so meinen beiden Liebsten wenigstens ein paar Klänge mit ins neue Jahr schicken. Glücklicherweise gibt’s keine Aufnahmen von meinem Geklimper, aber ich fühlte mich geehrt, weil ich so einen mehr als einmaligen und eindrücklichen Jahreswechsel erleben durfte. (Den ich selbstverständlich eine gute halbe Stunde später mit einem Glas Prosecco mit meinen beiden Männern nachfeiern durfte.)

Merci Marco!

PS: Carillonspiel mit Marco Schaller in Zeneggen am 1. Januar 2018 kurz nach Mitternacht (die Uhr im Glockenstuhl zeigt etwa 10 vor 7. Sie muss stehen geblieben sein. In welchem Jahr, weiss niemand so genau.) Ich habe das Video über Facebook eingebunden, da meine WordPress-Seite ein Upgrade bräuchte, um Videos abzuspielen. Das wollte ich nicht. Doch den Link kannst du auch öffnen, wenn du nicht auf Facebook bist.

PPS: Ach ja, warum wir über den Jahreswechsel in Zeneggen waren, das ist eine andere Geschichte: Seit ein paar Jahren verbringen wir die Zeit zwischen den Jahren immer an einem besonderen Ort. Zum grössten Teil in einem der historischen Hotels der Schweiz (Zuort, Paxmontana, Bella Tola). Dieses Jahr in einem historischen Airbnb: einem ehemaligen Restaurant in Zeneggen (übrigens sehr zu empfehlen). Als ich es buchte, wusste ich nicht mal, wo genau Zeneggen liegt und ob man da auch während der Feiertage mit dem ÖV hinkommt. Aber bis jetzt haben wir unsere Ziele in der Schweiz noch immer erreicht. (Zeneggen liegt übrigens im Vispertal, auf einer Sonnenterrasse 20 Postauto-Minuten oberhalb von Visp, auch im Winter gelangt man täglich öppe 7 Mal ins Dort und wieder zurück.)
So war denn auch nicht die Erreichbarkeit die grösste Herausforderung, sondern die Tatsache, dass es in Zeneggen im Winter kein geöffnetes gastliches Haus (mehr) gibt. Und nur einen kleinen Dorfladen, von dem wir nicht wussten, ob er in der Zeit vom 29. Dezember bis 2. Januar offen hat. Doch wir fanden heraus, dass Coopathome liefert. Und zwar mit der Post. So kamen unsere Einkäufe pünktlich in Zeneggen an, trotz verschneiter Strassen. Und wir konnten hinter der Bar, sozusagen im «Chez nous» kochen.

 

PPPS: Hier das Youtube-Video mit dem Glockenspiel von Marco Schaller . Vom Schweizer Fernsehn, Immerhin.

PPPPS: Wir wissen ja eigentlich aufgrund unserer Reisen Bescheid über Sitten und Bräuche in aller Herren Länder. Aber was genau im Dorf nebenan gelebt wird, kennen wir meist nicht (mehr). Deshalb war ich wirklich sehr berührt, die in der Schweiz doch selten ausgeübte Kunst des Carillonspiels erleben zu dürfen (und es sogar selbst auszuprobieren).

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